Man möchte meinen, diese Frage ließe sich leicht beantworten. In den meisten Fällen ist es auch kein Problem zu entscheiden, vor allem dann, wenn in der Stellenausschreibung gesiezt wurde. Wird dort aber geduzt sieht die Sache schon anders aus.

Duzen in Stellenausschreibungen

Den Fall habe ich selbst erlebt: Es kommt vor, dass du im Stellenangebot geduzt wirst, vor Ort aber gesiezt. Das verunsicherte mich, denn in mir erwachte sofort eine leise Stimme im Kopf, ob es nun unangebracht oder sogar frech war, zu duzen. Wenn ich es mit meinem reinen Menschenverstand betrachte, würde ich das verneinen, denn wenn ich geduzt werde, kann ich doch zurückduzen. Das Problem dabei ist aber, dass die Menschen, die die Stellenanzeige verfasst haben, möglicherweise nicht die gleichen sind, die das Vorstellungsgespräch führen.

Interessanterweise sagt das bereits viel über das Unternehmen aus, wenigstens aber über das Personalmanagement. In einem guten Unternehmen passt die Ausschreibung auch tatsächlich zur Unternehmenskultur. Wenn dem nicht so ist, entstehen nur Nachteile: Entweder verunsichert es den Bewerber oder er hinterfragt diese Diskrepanz, was nicht zum Vorteil des Arbeitsgebers ausgehen wird. Ich weiß, dass es Unternehmen gibt, die in der Stellenausschreibung duzen, einfach weil es freundlicher wirkt, aber es ist genau betrachtet eine Täuschung.

Um auf der sicheren Seite zu sein, schaue ich mir als Bewerber immer an, ob ich auf der Webseite Hinweise zur Unternehmenskultur finde. Steht irgendwo explizit, dass geduzt wird wie beispielsweise beim Dänischen Bettenlager, die sich – wie der Name schon sagt – am Dänischen orientieren, dann solltest du auch unbedingt duzen, denn damit zeigst du, dass du zu dieser Mentalität passt. Findest du nirgendwo einen Hinweis, dass grundsätzlich geduzt wird, dann rate ich davon ab. Denn wenn es vom Unternehmen nicht eindeutig anders gelebt wird, dann kann Siezen zumindest kein Fehler sein.

5 Tipps zum Thema Du oder Sie

  • Schau auf der Webseite, ob das Duzen zur Unternehmenskultur gehört. Große Unternehmen, die viel Recruiting betreiben, haben oft auch einen Infobereich für (potenzielle) Mitarbeiter. Und in manchen Firmen wird es ganz offen gelebt, wie zum Beispiel beim Dänischen Bettenlager.
  • Wenn du dir unsicher bist, ruf doch einfach an und frag nach. Am besten du sammelst deine Fragen, bevor du das tust.
  • Im Deutschen gibt es Möglichkeiten, die direkte Anrede zu vermeiden, indem du beispielsweise Passiv-Konstruktionen einsetzt wie etwa in wissenschaftlichen Publikationen. Solche Formulierungen klingen allerdings sehr distanziert und gestelzt, deshalb sind sie keine gute Alternative, um das Problem zu umgehen.
  • Ein Kompromiss stellt für mich das Euchsen dar: Du duzt zwar, aber im Plural klingt es weniger indiskret. Selbst, wenn du nur mit einer Person sprichst, steht diese stellvertretend für das ganze Unternehmen. Es wäre also durchaus möglich beim Abschied zu sagen: „Ich freue mich von Euch zu hören“.
  • Solltest du dennoch den Fall haben, dass du in der Stellenausschreibung geduzt und im Gespräch gesiezt wirst, frag freundlich nach, woran das liegt. Nicht anklagend, sondern neugierig. Zum einen beweist es Selbstvertrauen und die Antwort verrät dir möglicherweise viel über das Unternehmen, zum anderen bekommt dein Gegenüber so den Impuls, mal darüber nachzudenken. Meines Erachtens ist es ein guter Wesenszug, Diskrepanzen zu hinterfragen, auch und vor allem im Arbeitsleben.

Und wenn du nicht duzen möchtest?

Dann solltest du auch nicht duzen. Kommunikation ist keine Einbahnstraße und wenn du dich nicht wohl fühlst beim Duzen, dann ist das dein gutes Recht. Dir sollte aber bewusst sein, dass es Arbeitgeber gibt, bei denen du damit nicht punktest.

Mein Fazit: Schau dir das Stellenangebot an und richte dich danach. Wird gesiezt ist alles klar, dann siezt du zurück. Wird allerdings geduzt, dann kannst du dich trotzdem entscheiden, ob du auch duzen möchtest. Schau auf den Unternehmensseiten, ob das Unternehmen die Du-Kultur wirklich lebt. Frage nach, wenn du dir unsicher bist.

Duzen oder Siezen im Bewerbungsprozess